Die norddeutschen Häfen machen Ernst mit der Energiewende auf dem Wasser. Während Kreuzfahrtschiffe früher im Hafen ihre Dieselgeneratoren laufen lassen mussten, um Strom für Bordküchen, Klimaanlagen und Beleuchtung zu erzeugen, übernehmen nun riesige Steckdosen den Job. Von Kiel bis Bremerhaven wird massiv in die Landstrom-Infrastruktur investiert – mit dem Ziel, die Emissionen an der Kaikante auf Null zu senken. Und die Kreuzfahrtsaison 2026 zeigt: Das Konzept funktioniert.

Landstrom in Kiel: Ziel erreicht
Der Port of Kiel hat seine Hausaufgaben gemacht – und zwar als einer der ersten Häfen weltweit. Im September 2025 wurde der letzte Bauabschnitt der Landstrominfrastruktur abgeschlossen. Am Ostseekai steht seit der Inbetriebnahme der zweiten Anlage (16 MVA Leistung) fest: Dort können jetzt zwei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig mit Ökostrom versorgt werden. Am Ostuferhafen kommt ein dritter Liegeplatz hinzu. Dazu kommen vier Fährliegeplätze am Norwegen- und Schwedenkai.
Die Kieler Bilanz in Zahlen: Rund 50 Millionen Euro hat der Hafen in den vergangenen Jahren in Landstrom investiert. Bereits 2024 wurden 120 Kreuzfahrtanläufe mit Landstrom versorgt, insgesamt haben 24 verschiedene Kreuzfahrtschiffe die Kieler Anlagen bei über 270 Anläufen genutzt. Für 2026 peilt der Hafen eine Versorgungsquote von 80 Prozent aller Schiffe an – nachdem im Vorjahr bereits 60 Prozent der Schiffsemissionen durch Landstromversorgung eingespart werden konnten.
Und die Saison läuft bereits: Am 18. April 2026 hat die AIDAnova erstmals in diesem Jahr am Ostseekai in Kiel festgemacht und damit ihre Sommersaison eröffnet. Bis zum 31. Oktober wird das LNG-betriebene Schiff jeden Samstag zum Gästewechsel in Kiel liegen – mit wöchentlichen Norwegen-Routen nach Bergen, Geiranger, Alesund und Stavanger. Mit der AIDAbella stationiert AIDA diesen Sommer ein zweites Schiff in Kiel.
Ab Mitte Mai wird das Angebot noch breiter: Die MSC Euribia hat am 18. April die Straße von Hormus passiert und ist auf dem Weg nach Nordeuropa. Ihr Saisonstart ab Kiel ist für den 16. Mai bestätigt – nur zwei Wochen später als ursprünglich geplant.

Landstrom in Hamburg: Rekorde und neues Terminal
Hamburg hat 2025 einen neuen Passagierrekord aufgestellt: Rund 1,42 Millionen Kreuzfahrtgäste gingen an den drei Terminals an und von Bord – bei 295 Schiffsanläufen von 46 verschiedenen Kreuzfahrtschiffen. Im Vorjahr 2024 waren es noch rund 1,3 Millionen Passagiere bei 266 Anläufen.
Das Herzstück der Hamburger Strategie ist das neue Cruise Center HafenCity, das am 12. September 2025 offiziell eröffnet wurde. Es ist eingebettet in das Westfield Hamburg-Überseequartier – mit U-Bahn-Anschluss, Tiefgarage und Hotel direkt nebenan. Das Terminal bietet zwei Liegeplätze (345 und 230 Meter Länge) mitten in der Stadt.
Beim Landstrom hat Hamburg einen Meilenstein erreicht: 2025 wurden 162 Kreuzfahrtschiffe während ihrer Liegezeit emissionsfrei mit Energie versorgt – ein Anstieg von mehr als 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht einer Versorgungsquote von 71 Prozent aller landstromfähigen Anläufe. Ab 2026 steht flächendeckend an allen drei Kreuzfahrtterminals – Altona, Steinwerder und HafenCity – Landstrom zur Verfügung. Damit ist Hamburg vier Jahre vor der EU-weiten Pflicht so weit.
Für 2026 rechnet die Cruise Gate Hamburg GmbH mit über 330 geplanten Schiffsanläufen – davon rund ein Drittel am neuen Terminal in der HafenCity. Zusätzlich wird Hamburg ab 2027 eine eigene Landstrompflicht für Kreuzfahrtschiffe einführen – drei Jahre vor der EU-weiten Regelung.

Warnemünde: Halbe Million Gäste erwartet
Die AIDAdiva hat am 29. März die Kreuzfahrtsaison 2026 in Warnemünde eröffnet. Insgesamt sind 162 Anläufe von 34 verschiedenen Kreuzfahrtschiffen aus 20 Reedereien angemeldet. Mehr als eine halbe Million Kreuzfahrtgäste werden erwartet. AIDA Cruises allein plant 65 Reisewechselanläufe mit drei Schiffen: AIDAdiva, AIDAmar und AIDAluna.
Drei Kreuzfahrtschiffe laufen Warnemünde 2026 erstmals an: die Evrima der Ritz-Carlton Yacht Collection am 18. Juli, die Scenic Eclipse II am 21. August und die Seven Seas Grandeur am 23. August. Das größte Schiff der Saison wird die Sky Princess (rund 145.000 BRZ) sein.
Beim Landstrom ist Warnemünde ebenfalls gut aufgestellt: In der Saison 2025 bezogen Kreuzfahrtschiffe bei 75 Anläufen insgesamt 2,2 Millionen Kilowattstunden Landstrom. Damit wurde bereits etwa die Hälfte aller Anläufe mit Landstrom versorgt. Für 2026 wird eine weitere Steigerung erwartet.

Bremerhaven: Die Baustelle der Zukunft
Auch in Bremerhaven wird unter Hochdruck gearbeitet. Am Kreuzfahrtterminal an der Columbuskaje haben die Bauarbeiten für einen unterirdischen Kabelschleppkanal begonnen – eine massive Betonkonstruktion mit einer Gesamtlänge von 286 Metern, bestehend aus 36 Fertigteilen mit jeweils rund 23 Tonnen Gewicht. Die Anlage soll noch 2026 in Betrieb gehen. Für das Gesamtprojekt erhält Bremerhaven eine EU-Förderung von 5,23 Millionen Euro aus dem Programm „Connecting Europe Facility“. Ein Meilenstein wurde bereits Anfang 2026 erreicht: Im Januar wurde in Bremerhaven erstmals in Europa ein Autocarrier während der Liegezeit mit grünem Landstrom versorgt.
Fakten-Check: Landstrom im Norden 2026
| Hafen | Status Landstrom | Kreuzfahrt-Liegeplätze mit Landstrom | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Kiel | Vollausbau abgeschlossen | 3 Kreuzfahrt + 4 Fähren parallel | Ziel: 80 % Versorgungsquote 2026 |
| Hamburg | Flächendeckend (alle 3 Terminals) | Altona, Steinwerder, HafenCity | 71 % landstromfähige Anläufe versorgt (2025) |
| Warnemünde | Aktiv | 2 Liegeplätze (P7/P8) | ~50 % Anläufe mit Landstrom versorgt |
| Bremerhaven | Im Ausbau | Columbuskaje (2026 geplant) | Kabelschleppkanal im Bau, EU-gefördert |

Blick nach Skandinavien: Norwegens Fjorde machen Druck
Für alle, die ab Norddeutschland Richtung Norwegen aufbrechen, ist eine Entwicklung besonders relevant: In Norwegens UNESCO-Welterbe-Fjorden – Nærøyfjord, Aurlandsfjord, Geirangerfjord, Sunnylvsfjord und Tafjord gilt seit dem 1. Januar 2026 eine Null-Emissions-Pflicht für Passagierschiffe unter 10.000 BRZ. Für größere Kreuzfahrtschiffe über 10.000 BRZ wurde die Frist auf 2032 verlängert. In der Zwischenzeit müssen auch sie Landstrom nutzen, wo dieser verfügbar ist. Das norwegische Parlament hat 100 Millionen Norwegische Kronen für den Aufbau der Landstrominfrastruktur in Flam bewilligt. Geiranger, der zweite große Fjord-Anlaufhafen, hat bisher keine vergleichbare Förderung erhalten.
EU-Pflicht ab 2030: Der Countdown läuft
Den größten regulatorischen Umbruch bringt die EU-Verordnung „FuelEU Maritime“: Ab 2030 müssen alle Kreuzfahrt- und Containerschiffe über 5.000 BRZ in großen TEN-T-Häfen Landstrom nutzen oder emissionsfreie Bordtechnologie einsetzen. Ab 2035 gilt die Pflicht für alle EU-Häfen mit entsprechender Infrastruktur. Bei Nichtbeachtung drohen Strafen von 1,50 Euro pro nicht genutzter Kilowattstunde. Die norddeutschen Häfen haben sich hier einen wertvollen Zeitvorsprung erarbeitet und sichern so ihre Attraktivität im internationalen Wettbewerb.

Was bedeutet das für Kreuzfahrer?
- Saubere Luft beim Einschiffen: In Kiel, Hamburg und Warnemünde könnt ihr davon ausgehen, dass euer Schiff während der Liegezeit keine lokalen Abgase produziert – zumindest wenn es zu den landstromfähigen Schiffen gehört. Die Versorgungsquoten steigen von Jahr zu Jahr deutlich.
- Weniger Vibrationen an Bord: Wenn die Generatoren schweigen, sinkt der Geräuschpegel im Schiff spürbar – besonders angenehm, wenn eure Kabine im hinteren Bereich liegt.
- Routenwahl profitiert: Immer mehr Reedereien bevorzugen Häfen mit Landstrom, um ihre eigenen Klimaziele zu erreichen. Das sorgt für eine hohe Dichte an modernen, top-ausgestatteten Schiffen auf Nordeuropa-Routen ab Deutschland.
- Keine Preisexplosion in Sicht: Bisher gibt es kaum Anzeichen, dass Landstrom die Ticketpreise massiv erhöht. Die Häfen und Reedereien werden durch staatliche Fördermittel unterstützt.
- Norwegen-Routen laufen normal: Die Null-Emissions-Regeln in den Welterbe-Fjorden betreffen aktuell nur kleinere Schiffe unter 10.000 BRZ. Alle gängigen Norwegen-Routen ab Kiel mit AIDAnova oder MSC Euribia fahren planmäßig. Erst ab 2032 könnte es für Reedereien ohne passende Technologie enger werden.

Die Landstrom-Offensive im Norden ist ein starkes Signal. Kiel, Hamburg und Warnemünde zeigen, dass Umweltschutz im Hafen funktioniert. Spannend wird die Entwicklung ab 2030, wenn die EU die Nutzung verbindlich vorschreibt. Die norddeutschen Häfen haben sich dann längst einen Wettbewerbsvorteil gesichert – und das ist auch im Sinne der Anwohner, die jahrelang den Dieselgestank ertragen mussten.e Infrastruktur „unter Tage“ massiv verstärkt werden muss, um die gewaltigen Strommengen sicher zum Schiff zu leiten.
Quellen & Links
- Hansa-Online: Bremerhavener Landstrom-Kanal nimmt Form an
- Schifffahrt und Technik: Kiel schließt Landstromausbau ab.
- Cruisegate Hamburg: Pressemitteilungen zum Cruise Center HafenCity & Passagierzahlen
- Port of Kiel: Pressemitteilung
- Binnenschifffahrt Online: Infrastrukturausbau Columbuskaje
- bremerhaven.de: Projektseite EU.OPS.Network



